Die restaurierte VIRGINIA V
zu Gast beim Dampfboottreffen
der North West Steam Society
August 2002 in Kingston


Der Rumpf des Schiffes ist in
doppelter Ausführung aus heimischer
Fichte und Rotzeder erstellt, ebenso
die Maschinen- und Kesselfundamente


Dieses Foto mit den beiden Dampf-
booten FLYER und MOSQUITO
errang den ersten Preis im Foto-
wettbewerb anläßlich des Treffens


Die 3-fach-Expansionsmaschine
mit Stephenson-Umsteuerung,
vorn das Drucklager

In der Vergrößerung gut zu erkennen
vorn das Drucklager, dahinter die
Turnvorrichtung und oben die
Stephenson-Umsteuerung mit
Schwinge und Verstellung


Man beachte den Holzausbau des Maschinenraumes
 


Die Zylinderstation mit Fenster nach
außen, der Fahrstand liegt hinter
der Hauptdampfleitung


Keith Sternberg war verantwortlich
für die Überholung der Maschine.
Fotos: K. Sternberg


Die Obertrommel des Wasserrohr-
kessels, Hersteller: Babcock & Wilcox
 


Der Nordwesten der USA. Als Puget Sound bezeichnet man die Gewässer von Bellingham im Norden bis Olympia im Süden


Das Fahrgebiet der VIRGINIA V, von Seattle bis Tacoma
 

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es am Puget Sound noch kaum Wege und Straßen. Der Bundesstaat Washington, aus dem Oregon Territory hervor gegangen, war erst wenige Jahre zuvor gegründet worden. Neue Ansiedlungen entstanden meist nur an der Küste, an Flüssen und auf den zahlreichen vorgelagerten Inseln. Fast der gesamte Personen- und Güterverkehr wurde auf dem Wasserwege abgewickelt. Neben den größeren Heckraddampfern, die die Städte miteinander verbanden, waren viele hunderte von kleinen und kleinsten Schiffen und Schleppern dafür im Einsatz. Diese Wasserfahrzeuge schwärmten fast ebenso zahlreich durch die Gewässer im Puget Sound, zwischen Bellingham im Norden und Olympia im Süden, wie Mosquito-Schwärme im Sommer.
Im Volksmund bezeichnete man sie deshalb gerne als die "Mosquito Flotte".

Kapitän Nels Christensen, Sohn dänischer Einwanderer, gründete 1908 in dem Flecken Lisabuela die West Pass Transportation Company. Sein erstes kleines Schiff, VIRGINIA, war nur etwa 16 m lang und etwas über 4 m breit. Für den Antrieb sorgte ein Glühkopfmotor. Damit betrieb Christensen einen Liniendienst von Tacoma nach Seattle durch die Colvos Durchfahrt (West Pass) zwischen der langen Kitsap Halbinsel und der Insel Vashon. Entlang der Route lagen zahlreiche kleine Ansiedlungen und Farmen, die alle bei Bedarf angelaufen wurden. Außer Personen wurden meist Baumaterialien, Schnittholz, Lebendvieh, Futtermittel, Agrarerzeugnisse und die Post befördert. Die Besatzung musste das Be- und Entladen selbst besorgen.

Im Oktober 1921 gab Christensen einen Neubau bei dem Schiffbauer Matt Anderson in Maplewood auf der Kitsap Halbinsel in Auftrag. Maplewood lag Lisabuela fast gegenüber, wo die Christensens ihr Anwesen hatten. Kleinere Schiffe wurden, wie damals vielfach üblich, nicht bei einer Werft, sondern am Strand unter freiem Himmel gebaut. Als Baumaterial dazu diente die heimische Douglas Fichte, die seinerzeit fast unbegrenzt und kostengünstig zur Verfügung stand. Es existierten keine Blaupläne, Christensen und Anderson lehnten sich nur etwas an die schnittigen Linien des Unterwasserschiffs von VIRGINIA III an. Der Sohn des Schiffbauers zeichnete abends, beim Schein einer Petroleumlampe, das am Tage vollbrachte Werk auf. Es wird berichtet, dass Anderson's Strandgrundstück nicht breit genug für den Bau war und er einige Meter von seinem Nachbarn dazu mieten musste.
Am 9. März 1922 war Stapellauf und das Schiff wurde mit einer Flasche Wasser aus dem Lisabuela Bach auf den Namen VIRGINIA V getauft. Der 125' (38 m) lange Schiffsrumpf wurde zu einer Werft nach Seattle geschleppt, wo die Maschine und der mit Holz und Öl befeuerte Kessel installiert und andere Einbauten vorgenommen wurden.
Die 400 PS starke dreifach-Expansionsmaschine, die schon 1898 von den Heffernan Eisenwerken in Seattle gebaut wurde, hatte bereits 24 Jahre auf VIRGINIA IV (ex TYRUS) zuverlässig ihren Dienst getan.
Beim Ausbau der Maschine von VIRGINIA IV fielen die ungesicherten Fundamentbolzen unbemerkt aus dem Schiffsboden heraus und das Schiff lief während der Nacht voll Wasser und sank. Es wurde aber rasch wieder gehoben, erhielt einen Dieselmotor und wurde anschließend verkauft.

VIRGINIA V war einer der letzten mit einer Dampfmaschine ausgerüsteten Schiffsneubauten am Puget Sound. Die relative hohen, hölzernen Aufbauten von VIRGINIA V wurden anschließend wiederum bei den Andersons in Maplewood aufgesetzt und am 11. Juni 1922 lief das Schiff zu seiner Jungfernfahrt aus.
Der Dienst sah eine Rundreise am Tag zwischen Tacoma und Seattle durch die Colvos Durchfahrt vor. Dabei legte das Schiff täglich 70 Seemeilen zurück, 7 Tage in der Woche, mit insgesamt 25.550 Seemeilen im Jahr.
1922 betrug der Fahrpreis zwischen den beiden Städten $ 0.35 pro Person. Ab 1931 machte VIRGINIA V täglich eine zweite Rundreise und bediente dabei auch die Ostküste der Insel Vashon. Daneben brachte sie jedes Jahr hunderte von jungen Mädchen (Campfire Girls) zum Sommerlager in Sealth auf der Insel Vashon.

Die Colvos Durchfahrt hat tiefes Wasser, ist aber etwas gewunden. Der unberechenbare Wind, der oft hindurch pfeift, und ein starker Gezeitenstrom machten das Anlegen des Schiffes, mit seinen hohen Aufbauten, an den primitiven Landestellen oft schwierig. Um nicht abgetrieben zu werden und steuerfähig zu bleiben, musste die Fahrt beibehalten und erst im letzten Moment das Schiff mit einem "Voll Zurück" Manöver abgestoppt werden.
Kapitän Nels Christiansen Jr., der bereits mit 21 Jahren VIRGINIA V übernahm, soll ein besonders fähiger Schiffsführer gewesen sein. Am 21. Oktober 1934 war er allerdings machtlos, als eine unerwartet starke Sturmbö das Schiff mit voller Wucht gegen den Anleger in Olalla drückte. Hölzerne Dalben brachen und durchbohrten den Rumpf. Das Schiff saß wie aufgespießt fest und war dem immer stärker werdenden Sturm voll ausgeliefert. Die Holzpier, mit einem darauf befindlichen Schuppen, fiel in sich zusammen und teilweise auf das Schiff, das schnell Schlagseite bekam. Es war ein Wunder, dass niemand ernstlich verletzt wurde. Es sah ganz so aus, als sei das Ende des kleinen Dampfers gekommen.
Trotz der wirtschaftlich schlechten Lage entschloss sich der Eigner aber das Schiff in Seattle für $ 11.000,-- reparieren zu lassen.

Im Januar 1938 musste VIRGINIA V den Liniendienst einstellen. Automobile, auf neu erbauten Straßen, hatten ihren Siegeszug in Amerika angetreten und der Einsatz von Autofähren zu den Inseln hatten zu einem erheblichen Rückgang an Passagieren und Fracht geführt.
Das langsame Sterben der "Mosquito Flotte" im Puget Sound hatte begonnen.
Von 1938 bis 1942 wurde VIRGINIA V meist nur als Ausflugsschiff an Wochenenden und bei einem Streik der Fähren eingesetzt. Im Frühjahr 1942 versuchte die Christensen Familie das Schiff im Liniendienst zwischen Astoria und Portland auf dem Columbia Fluss in Oregon gewinnbringend zu beschäftigen, es war damals das letzte, kommerziell betriebene Dampfschiff auf diesem Fluß.
Der Versuch aber schlug fehl, und im November 1942 wurde das Schiff dort zwangsversteigert. Für nur $ 3.500,-- fand es einen neuen Besitzer.
Die West Pass Transportation Company hatte nach 34 Jahren aufgehört zu existieren.

1944 kam VIRGINIA V zum Puget Sound zurück. Sie hatte verschiedene Eigner, war gelegentlich beschäftigt, oft aber aufgelegt. Mehrfach sah es so aus, als würde das Schiff abgewrackt werden.
1948 kam es in Seattle zu einem Rennen zweier, gleichartiger, durch Schrauben angetriebener Dampfschiffe. VIRGINIA V gewann dieses auf einem 5 Seemeilen lange Rundkurs mit einer 3/4 Schiffslänge gegen ihren Konkurrenten SIGHTSEER.

1968 ging das Schiff in den Besitz der Northwest Steamship Co. über. Diese Gesellschaft bestand aus einer an Dampfschiffen interessierten Personengruppe, die das Schiff in meist freiwilliger Arbeit instand zu halten versuchte und es als Ausflugsschiff betrieb. 1973 wurde VIRGINIA V in das "National Register of Historic Sites" aufgenommen.
Die fortwährende Wartung eines ganz aus Holz gebauten Schiffes war kostspielig und weitere Gelder waren dringend erforderlich. Um diese zu erhalten wurde 1976 die gemeinnützige VIRGINIA V Stiftung ins Leben gerufen, an die 1980 das Schiff übergeben werden konnte. Die Regierung gewährte nun Zuschüsse und Spenden flossen von der Industrie und von Privatleuten. Mitglieder konnten in größerer Zahl angeworben werden.

Von 1997 bis 2002 wurden umfangreiche Reparatur- und Restaurierungsarbeiten am Schiff in Seattle durchgeführt. Die Dampfmaschine wurde ausgebaut und total überholt. Praktisch wurde die Maschine aus alten Teilen neu erstellt. Ein neuer B&W Wasserrohrkessel wurde ebenfalls eingebaut. Am Schiffsrumpf wurden Spanten und ein Teil der Karweel-Beplankung erneuert. Die gesamten Aufbauten mit dem Ruderhaus und den Außendecks wurden nach alten Plänen und Fotos wieder in den Originalzustand zurück versetzt. Das Schiff bekam auch eine neue Inneneinrichtung. Die Kosten hierfür betrugen stolze $ 6,2 Millionen, die zum großen Teil durch Spenden aufgebracht wurden.

VIRGINIA V wird oft liebevoll nur die "Vi" oder die "Ginny" genannt. Am Heck steht wieder der traditionelle Heimathafen Lisabuela, obwohl sie nun in Seattle beheimatet ist. Von dort aus unternimmt sie, mit einer zum großen Teil aus Freiwilligen bestehenden Besatzung, regelmäßige Ausflugs- und Charterfahrten und Dinner Cruises. Sie ist auch ein gern gesehener Gast bei maritimen Veranstaltungen im Puget Sound. Meist ist sie voll ausgebucht und so gesehen sieht die Zukunft für dieses letzte überlebende Schiff der einstigen "Mosquito Flotte" eigentlich gar nicht so schlecht aus.  

Technische Daten D/S Virginia V

Länge über alles:  125' (38 m)
Breite auf Spanten:  24' (7,3 m)
Tiefgang:  8' (2,4 m)
Geschwindigkeit:  12 Knoten
Passagiere:  150/350, je nach Fahrgebiet.
Hauptmaschine:  Dreifach Expansionsmaschine,
erbaut 1898 von Heffernan Iron Works
in Seattle, Wa.
Leistung:  400 PS bei 190 U/Min.
Zylinderabmessungen:  HD 10'-7/16" (26,7 cm) - MD 16'-13/16" (42,7 cm) - ND 28'-7/16" (72,4 cm), Hub: 18" (45.7 cm)
Schraube:  Durchmesser von 96" (2,9 m) bei 103" (3,14 m) Steigung
Kessel:  Wasserrohrkessel, erbaut 2000 von Babcock & Wilcox USA
Betriebsdruck:  200 PSI (13,8 bar)
Heizfläche:  1.200 feet2 (112 m2)
Leistung:  Max. 10.000 Ibs ( 4.536 kg) Dampf pro Std.
Feuerung:  Anheizen mit Holz, dann Feuerung mit #2 Dieselöl
Brenner:  Dampfbetriebener Verwirbelungsbrenner.

Wolfgang Schlager, Bellingham-Wa. U.S.A.

Link zu den Seiten des Dampfbootvereins North West Steam Society-Wa. USA
www.northweststeamsociety.org

 



 

City of Bellingham
Die neue Heimat des Hamburger Kapitäns und Vereinsmitglied W. Schlager.
Bellingham mit ca. 72.000 Einwohnern liegt idyllisch am nördlichen Ende des Puget Sound und hat mit der "Strait of Juan de Fuca" eine Verbindung zum Pazifik. Das Bild zeigt die Stadt an der Bellingham Bay, hinter der Stadt liegt der Whatcom See, dahinter folgen Wälder und Berge bis zum Mount Baker mit 3276m Höhe. Eine idealer Ort für Sommer- Wintersport. Auf 1300m Höhe ist ein weltbekanntes Wintersportparadies für Snowboarder. Durch Bellingham führt die Highway Route 5 von Feuerland nach Alaska, von hier fahren auch Fähren nach Alaska.
Mehr über die Stadt unter http://www.cob.org

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