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Zu Beginn des 20.
Jahrhunderts gab es am Puget Sound noch kaum Wege und Straßen. Der
Bundesstaat Washington, aus dem Oregon Territory hervor gegangen, war erst
wenige Jahre zuvor gegründet worden. Neue Ansiedlungen entstanden meist
nur an der Küste, an Flüssen und auf den zahlreichen vorgelagerten Inseln.
Fast der gesamte Personen- und Güterverkehr wurde auf dem Wasserwege
abgewickelt. Neben den größeren Heckraddampfern, die die Städte
miteinander verbanden, waren viele hunderte von kleinen und kleinsten
Schiffen und Schleppern dafür im Einsatz. Diese Wasserfahrzeuge schwärmten
fast ebenso zahlreich durch die Gewässer im Puget Sound, zwischen
Bellingham im Norden und Olympia im Süden, wie Mosquito-Schwärme im
Sommer. Kapitän Nels Christensen, Sohn dänischer Einwanderer, gründete 1908 in dem Flecken Lisabuela die West Pass Transportation Company. Sein erstes kleines Schiff, VIRGINIA, war nur etwa 16 m lang und etwas über 4 m breit. Für den Antrieb sorgte ein Glühkopfmotor. Damit betrieb Christensen einen Liniendienst von Tacoma nach Seattle durch die Colvos Durchfahrt (West Pass) zwischen der langen Kitsap Halbinsel und der Insel Vashon. Entlang der Route lagen zahlreiche kleine Ansiedlungen und Farmen, die alle bei Bedarf angelaufen wurden. Außer Personen wurden meist Baumaterialien, Schnittholz, Lebendvieh, Futtermittel, Agrarerzeugnisse und die Post befördert. Die Besatzung musste das Be- und Entladen selbst besorgen. Im Oktober 1921 gab Christensen einen Neubau bei dem Schiffbauer Matt
Anderson in Maplewood auf der Kitsap Halbinsel in Auftrag. Maplewood lag
Lisabuela fast gegenüber, wo die Christensens ihr Anwesen hatten. Kleinere
Schiffe wurden, wie damals vielfach üblich, nicht bei einer Werft, sondern
am Strand unter freiem Himmel gebaut. Als Baumaterial dazu diente die
heimische Douglas Fichte, die seinerzeit fast unbegrenzt und kostengünstig
zur Verfügung stand. Es existierten keine Blaupläne, Christensen und
Anderson lehnten sich nur etwas an die schnittigen Linien des
Unterwasserschiffs von VIRGINIA III an. Der Sohn des Schiffbauers
zeichnete abends, beim Schein einer Petroleumlampe, das am Tage
vollbrachte Werk auf. Es wird berichtet, dass Anderson's Strandgrundstück
nicht breit genug für den Bau war und er einige Meter von seinem Nachbarn
dazu mieten musste. VIRGINIA V war einer der
letzten mit einer Dampfmaschine ausgerüsteten Schiffsneubauten am Puget
Sound. Die relative hohen, hölzernen Aufbauten von VIRGINIA V wurden
anschließend wiederum bei den Andersons in Maplewood aufgesetzt und am 11.
Juni 1922 lief das Schiff zu seiner Jungfernfahrt aus. Die Colvos Durchfahrt hat
tiefes Wasser, ist aber etwas gewunden. Der unberechenbare Wind, der oft
hindurch pfeift, und ein starker Gezeitenstrom machten das Anlegen des
Schiffes, mit seinen hohen Aufbauten, an den primitiven Landestellen oft
schwierig. Um nicht abgetrieben zu werden und steuerfähig zu bleiben,
musste die Fahrt beibehalten und erst im letzten Moment das Schiff mit
einem "Voll Zurück" Manöver abgestoppt werden. Im Januar 1938 musste
VIRGINIA V den Liniendienst einstellen. Automobile, auf neu erbauten
Straßen, hatten ihren Siegeszug in Amerika angetreten und der Einsatz von
Autofähren zu den Inseln hatten zu einem erheblichen Rückgang an
Passagieren und Fracht geführt. 1944 kam VIRGINIA V zum
Puget Sound zurück. Sie hatte verschiedene Eigner, war gelegentlich
beschäftigt, oft aber aufgelegt. Mehrfach sah es so aus, als würde das
Schiff abgewrackt werden. 1968 ging das Schiff in
den Besitz der Northwest Steamship Co. über. Diese Gesellschaft bestand
aus einer an Dampfschiffen interessierten Personengruppe, die das Schiff
in meist freiwilliger Arbeit instand zu halten versuchte und es als
Ausflugsschiff betrieb. 1973 wurde VIRGINIA V in das "National Register of
Historic Sites" aufgenommen. Von 1997 bis 2002 wurden umfangreiche Reparatur- und Restaurierungsarbeiten am Schiff in Seattle durchgeführt. Die Dampfmaschine wurde ausgebaut und total überholt. Praktisch wurde die Maschine aus alten Teilen neu erstellt. Ein neuer B&W Wasserrohrkessel wurde ebenfalls eingebaut. Am Schiffsrumpf wurden Spanten und ein Teil der Karweel-Beplankung erneuert. Die gesamten Aufbauten mit dem Ruderhaus und den Außendecks wurden nach alten Plänen und Fotos wieder in den Originalzustand zurück versetzt. Das Schiff bekam auch eine neue Inneneinrichtung. Die Kosten hierfür betrugen stolze $ 6,2 Millionen, die zum großen Teil durch Spenden aufgebracht wurden. VIRGINIA V wird oft liebevoll nur die "Vi" oder die "Ginny" genannt. Am Heck steht wieder der traditionelle Heimathafen Lisabuela, obwohl sie nun in Seattle beheimatet ist. Von dort aus unternimmt sie, mit einer zum großen Teil aus Freiwilligen bestehenden Besatzung, regelmäßige Ausflugs- und Charterfahrten und Dinner Cruises. Sie ist auch ein gern gesehener Gast bei maritimen Veranstaltungen im Puget Sound. Meist ist sie voll ausgebucht und so gesehen sieht die Zukunft für dieses letzte überlebende Schiff der einstigen "Mosquito Flotte" eigentlich gar nicht so schlecht aus.
Wolfgang Schlager,
Bellingham-Wa. U.S.A. |
| City of Bellingham Die neue Heimat des Hamburger Kapitäns und Vereinsmitglied W. Schlager. Bellingham mit ca. 72.000 Einwohnern liegt idyllisch am nördlichen Ende des Puget Sound und hat mit der "Strait of Juan de Fuca" eine Verbindung zum Pazifik. Das Bild zeigt die Stadt an der Bellingham Bay, hinter der Stadt liegt der Whatcom See, dahinter folgen Wälder und Berge bis zum Mount Baker mit 3276m Höhe. Eine idealer Ort für Sommer- Wintersport. Auf 1300m Höhe ist ein weltbekanntes Wintersportparadies für Snowboarder. Durch Bellingham führt die Highway Route 5 von Feuerland nach Alaska, von hier fahren auch Fähren nach Alaska. Mehr über die Stadt unter http://www.cob.org |